March 1, 2011

Chaco typisch

Filed under: Argentinien,Chaco,marco schnell,Praktikum,Saenz Peña — Tags: — Marco @ 9:34 PM

Mein Hauptgebet für diesen Stadtteil Santa Monica von Saenz Peña, indem wir wohnen, ist, dass die Kids hier möglichst lange vom Einzug von Laptop und Internet verschont bleiben. Der Grund ist folgender:

Familienzusammenhalt und Terere vorm Haus

Wenn man nachmittags in der heissen Sonne durch den Stadtteil geht, sieht man die die z.T. 3 Generationen meistens vereint auf dem kleinen Vorhof ihrer teilweise aus 1-2 Zimmern bestehenden Häuschen sitzen und Terere (kalten Mate-Tee) schlürfen. Wenn sich Kinder und Jugendliche sich langweilen teilen sich meist die Altersgruppen auf. Sind die Kids zwischen 6 und 14 ziehen sie häufig mit einer Schleuder um die Häuser und suchen auf einem der vielen Bäume nach langsamen Vögeln. Pferde oder wilde Hunde die es zu Hauf gibt, tun es aber auch. Alternativ sieht man sie an allen Ecken oder auf einem der zahllosen Bolzplätze Fussball spielen. Das ist die Nachmittagslieblingsbeschäftigung der Jungs allen Alters, denn Vormittags helfen sie meist im Haus mit oder, wenn die Eltern einen „Kiosco“ – ein Einkaufslädchen haben, der meist direkt zum Haus gehört, dann dort.

Voller körperlicher Einsatz

Sind die Jugendlichen zwischen 14 und 19 wird die Schleuder meistens durch ein Mädel ersetzt, was aber eher am Abend aufgesucht wird, denn das Nachmittagsfussballspiel bleibt obligatorisch. Sogar ein Baseballspiel habe ich gesehen, einige Volleyballfanatiker gibts auch, aber die finden sich hauptsächlich bei uns in der Gemeinde, weil nur dort ein Volleyballnetz hängt.

"Waren hinter Gittern" - Kiosco

Sind sie dann ab 20 oder auch jünger, hat man sich meist schon vermehrt und man sieht dann den jungen Papa oder Mama mit 1-2 Kleinen zum nächsten Kiosco laufen oder im Schatten vor dem Haus sitzen.
Die bereits genannten Kioscos sind meistens vergittert so, dass man direkt an der Tür abgefertigt wird. Man muss dann einfach raten oder fragen was es gibt. Das ist aber ok, denn die Besitzer unterhalten sich gerne oder helfen weiter. Allerdings nicht am Nachmittag denn zwischen 13 und 16/17 Uhr sind die Läden wegen Siesta geschlossen. Aber auch das ist ok, da die meisten Hausbewohner, wenn sie nicht ausserhalb arbeiten, Siesta machen. Selbst die die Arbeiter kommen aber meist um diese Zeit nach Hause, pausieren und beginnen dann um 18 Uhr bis 21 oder 22 Uhr die nächste Schicht.

Wöchentliche Trinkwasserlieferung an zentrale Punkte

Was mich sehr überraschte, sind die vielen pinienartigen Nadelbäume die direkt vor den Häusern und z.T. auf dem Grundstück wachsen. Viele von ihnen erreichen schon zwischen 6 und 8 m. Nadelbäume kenne ich von Cordoba fast gar nicht und auch hier geht’s wohl auf den Viertel-Gründer zurück, der viel Wert auf Grün legte. Immerhin war an der Stelle des Viertels vor 30 Jahren noch ein Wald.
Wenn es stark regnet und das immer wieder, einige Tage hintereinander weg, dann sind die Sandstraßen so verschlammt , dass man nicht trockenen Fusses von einer auf die andere Seite gelangt. Dann ist man sehr dankbar für die direkt an den Häusern vorbeiführenden, meist befestigten Fusswegen, auch wenn man sich etwas komisch dabei fühlt, den Leuten beim vorbeigehen direkt durchs Fenster auf den Essenstisch sehen zu können. Aber die sind es wohl gewöhnt. Die einzige gepflasterte Strasse gibt es seit 4 Jahren und geht mitten durchs Viertel aufs Stadtzentrum zu.
Auch seit 8 Jahren ist neu, dass jedes Haus sein staatlich gebautes Dusch-WC hat, das sich meist ausserhalb und abseits vom Haus befindet. Dieses Abseits verstand ich nicht. Als Grund wurde mir angegeben, dass viele Familien im Laufe der Jahre anbauten und dann irgendwann dort automatisch am Bad ankommen. Ok. Trotzdem verstehe ich nicht, warum mans nicht direkt ans bestehende Haus angliedert.

Gauchito Gil- Altar

Auffallend sind auch immer mal rote kleine oder schwarze Hütchen zu sehen, die direkt auf den Grundstücken stehen, manchmal mit roten oder schwarzen Fahnen an den Seiten verziert. Dies sind Schreine zur Verehrung und Anbetung für entweder San Muerte- „Den Gevatter Tod“ oder Gauchito Gil- einen Volkshelden des 19.Jhs der nun auch über seinen Tod hinaus verehrt wird. Sein Markenzeichen war ein rotes Halstuch. Daher der ganze Altar plus Ausstattung in rot. Zwischendurch finden sich auch vereinzelte Hexen, die den Gemeinden Konkurrenz machen, aber in diesem Viertel sind es wohl nur 3, laut Stadtteil-Chef.

hier gibts was zu... (aber lieb fragen)

In der Ruhe liegt die Kraft
Den ganzen Tag kann man aber auf den Strassen sehen wie bedacht und bewusst langsam sich die Menschen bewegen. Das drückt sich auch in ihrer Arbeitsweise und Zeitgefühl aus und ist wahrscheinlich dem heissen Wetter geschuldet. Nach ein paar Wochen verstand ich es dann auch. Das Klima ist entweder mörderisch heiß (35-45C) oder wenns regnete oder regnen will, stickig schwül. Man mag und kann sich einfach nicht eilig bewegen, denn der Schweiss läuft einem schon, nur bei dem Gedanken daran. Ausserdem ist es nicht nötig. Die Lädchen haben im Prinzip den ganzen Tag von morgens bis spät abends auf, die Familie ist auch immer da, da mangels Knete die wenigsten gross in Urlaub fahren können und bei den Freunden geht man irgendwann vorbei, die sind ja auch immer da und wohnen nur ein paar Strassen weiter. Dieses Lebensgefühl hat etwas beruhigendes und belastet nur, wenn man für Leute etwas plant und irgendwann anfangen will.

Früh übt sich...

Jugendtreffs mit starker Verzögerung
So ist es z.B. fast unmöglich IRGENDWANN mit dem Jugendtreff anzufangen. Denn die ersten kommen eine halbe Stunde später als vorgesehen, die letzten 1 ½ Stunden später, dann sind aber die ersten schon wieder gegangen. Also haben wir uns mit uns selbst geeinigt, genau dann anzufangen- IRGENDWANN:) Das klappt ganz gut. Denn wenn die Leute sehen dass etwas im Gang ist, kommen sie meistens dann auch (irgendwann).

Und als Letztes: Es ist Wahljahr. „Königin Christina“- wie die Präsidentin liebvoll von ihren Anhängern und Feinden genannt wird- soll abgelöst werden, aber keiner weiss durch wen. Deswegen fahren jeden Tag Lautsprecherautos oder Pferdewagen mit Ansagen und Werbung durch unsere Strasse. Einige sind richtig kreativ. Ein Abgeordneter liess einen eigenen Song auf seinen Namen schreiben mit dem Grund, warum er so ein toller Abgeordneter ist. Da muss man einfach mitwippen.
Manchmal sind es aber auch hiesige Verkäufer die ihre Waren anpreisen. Leider ist Tonbandqualität so schlecht dass man nur Gebrüll hört und nicht mal die Ansagen versteht. Etwas so: Leckaaaaah Bnanäääää, Bnanäääää,küüüüühlo nsfufffzschschschsch. Das ist am Anfang ganz lustig aber nach dem 20.-30. Mal in der Woche dann doch lästig.

Wasserkakerlake- schönes Gefühl wenn sie einem über den Zeh krabelt

Das Allerletzte: Die Bichos. Tagsüber macht einem nur die Hitze zu schaffen, aber Abends kommen SIE! Die Käfer, Insekten und Grillen- in allen Formen und Größen. Man hat den Eindruck, der Fussboden bewegt sich und zwar auch drinnen. Das Gute ist, wir haben in unserem Zimmer eher Grillen als Kakerlaken. Ist mir angenehmer, auch wenn sie morgens anfangen unglaublichen Lärm zu machen. Aber ausserdem gibt’s noch Wasserkakerlaken, größer und noch ekliger als die Normalen und scheinen eine Mischung zwischen Kakerlake und Skorpion zu sein. Sie fallen mit Vorliebe vom Innendach direkt vor einem auf den Boden, haben auch einen kleinen Stachel und sehen aus wie eine längst ausgestorbene Rieseninsektenart aus meinem alten Biobuch. Sobald wir sie aber mit einigen Besenschlägen erschlagen hatten (dabei ging dieser fast zu Bruch) kamen auch schon hunderte Ameisen an und trugen die Leiche nach draussen. Dort mussten sie sich allerdings gegen die Riesenkröten zu Wehr setzten, die schon an der beleuchteten Südwand des Hauses auf Nachspeise warteten. Nun in der Regenzeit kommen plötzlich auch noch Millionen kleinster Mosquitos hinzu (die uns bis jetzt verschont hatten). Damit ist das Spektrum voll und mein Maß auch. In 2 Wochen geht’s zurück nach Cordoba!

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