Morgens um 8 gings mit Hugitos Auto Richtung „1. Bautistas“, meiner neuen Praktikumsgemeinde , die seit 10 Jahren Samstag Frühstück und Mittag für Obdachlose anbietet.
Ich war sehr gespannt und hatte mir in meiner Vorstellung schon die wildesten Typen ausgemalt. So war ich sehr erstaunt, dass ich relativ normal gekleidete, gut rasierte und frisierte „Penner“ antraf. Kein Fuselgeruch o.ä. Das ist dort auch verboten.
Interessant war zu sehen, dass einige sich gleich mit anderen zusammenfanden und schwatzten, andere bis zum Ende solo am Tisch blieben. Es waren fast alle Altersgruppen vertreten vom ca. 18 Jährigen bis zum 60 jährigen. Die Mehrzahl unserer Gesamt ca. 65 Gästen (etwa 90%) war männlich. Frage mich warum? Keiner hat mich um Kohle oder ähnliches angebettelt, was normalerweise zum Standardprogramm gehört, ganze besonders weil ich als neuer „Helfer aus Deutschland“ angesagt wurde.
Wir verteilten an jeden 3 Stücken Weißbrot und jede Menge Mate Tee. Im Anschluss an die Nahrung für den Körper kam die für den Geiste. Es gab eine kurze Andacht und Gebet im Anschluss, was unser Koch leitete. Die meisten beteten mit, einige unter ihnen sind auch Christen. Das ganze Küchenteam besteht fast nur aus Peruanern und einigen ehemaligen Obdachlosen, die jetzt mithelfen. Das Team ist echt familiär und warmherzig und ich kam schnell rein.
Ich konnte auch mit einem Mann sprechen, der vor 6 Jahren seine Frau und Kinder durch einen Sturm der ihr Haus zerstörte und sie begrub, verlor. Er meinte, dass es auf der Strasse nur Egoisten und keine „Brüderschaft“ o.ä. gäbe, weil jeder um sein eigenes Überleben kämpft. Das macht es sehr schwer jmd. zu vertrauen. Nächste Herausforderung ist, einen Job zu finden. Die meisten Arbeitgeber lehnen dich ab, wenn du keinen festen Wohnsitz hast, weil sie denken, dass du als Obdachloser auch eine kriminelle Vergangenheit haben musst. So kommt man aus diesem Kreislauf der Strasse nur sehr schwer wieder heraus. Aber es lässt sich auch gut über-leben, denn in der Woche bekommen sie in der katholischen Kirche essen und dort können sie wohl auch übernachten.
Facu-meine zweite Teamhälfte (und kein Schimpfwort, wie der eine oder andere denke möchte) war zwischenzeitlich immer mal wieder verschwunden, was mich sehr nervte weil ich mich sehr unsicher fühlte, was als nächstes folgte, an wen ich mich wende, was ich tun soll. Unser Koch ist wohl mehr oder minder der direkte Leiter und sehr sympathisch und so konnte ich wenigstens durch nachfragen herausfinden ob und wo ich helfen kann.

Reise nach Jerusalem auf Spanisch
Mittags gabs Nudelsuppe mit Hühnerhalsstückchen und Leberteilen. Erst für unsere Gäste, dann für uns.
Nachdem das Mittag verdaut, alle Teller, Töpfe und Tassen abgewaschen waren, merkte ich, wie ich ans Ende meiner geistigen Kräfte angekommen war und unbedingt ne Schlafpause brauchte. Da wir nur wussten, dass wir um 15 Uhr zur Kinderstunde abgeholte wurden, blieb mir ca. 1 Std. auf ner harten Bank, die ich aber in vollen Zügen genoss und auch das hin- und hergeschiebe von Bänken, Stühlen und allem anderen der Putzfrau und die lauten Gespräche in der Küche ignorierte.
Noch halb benommen kratzte ich mich kurz vor 3 zusammen, denn Facu war inzwischen auch von seine Stadt-Spaziergang zurück. Irgend ein alter Mann setzte uns in seinen Minitransporter mit noch zwei anderen Mädels und einem jungen Mann- die sich als Pastorenkinder herausstellten und als Kindermitarbeiter.
Neue Kinder-neues Glück?
Nach ner ¾ Stunde Fahrt kamen wir an, in einem Mittelklasse-Stadteil in dem eine Oma ihr Haus für Kinder geöffnet hat. Dort bekammen wir Einladungsflyer in die Hand gedrückt um Kids für die in einer Minute beginnende Kinderstunde einzuladen. Ja wir sind hier spontan in Argentinien! Wir gingen die Strassen ab, aber die Kids waren vom Erdboden verschluckt und an den Häusern an denen wir anklopften gabs fast nie Kinder. Echt komisch. Die Kinder die wir trafen, bzw. deren Mütter waren etwas zurückhaltend, ihre kleinen Kinder mit zwei wildfremden Männern mit gehen zu lassen (verständlicherweise). Trotzdem waren es, als wir anfingen ca. 12 Kids zwischen 5-13 Jahren. Einer der MA fing mit ein paar Liedern und einer biblischen Geschichte an. Die Kinder blieben erstaunlich ruhig (ich stelle mir zum Vergleich immer unsere Toitenwinkler Kids vor). Aber einige waren schon gelangweilt. Danach begann der Pastorssohn mit einer Schitzeljagd, die für Begeisterung sorgte. Da ich NIE einen Plan hatte was als nächstes dran war, noch was von mir erwartet wurde, machte ich so gut mit wie ich konnte. Die Mädels waren in der Zwischenzeit verschwunden und Facu auch und so waren wir mit den suchenden, rasenden Kids allein. Nett.
Irgendwann war auch das geschafft und wir gingen zum Kakao Trinken und Kekse essen über. Mittlerweile war ich mit den Jungs schon warm geworden und sie fragten mich über Deutschland und deutsche Wörter aus. Im Anschluss daran spielten wir weiter einige Spiele und so gingen die zwei Stunden wie im Flug vorbei. Am Ende des Kindertreffs wollten mich zwei Jungs gar nicht mehr gehen lassen, und hingen wie Kletten an mir, das war echt süss und hat mir ein Auftriebsgefühl für den Rest des Tages gegeben.

Einige kommen auch an
Wir wurden zurück zur Kirche gebracht (¾ Stunde Fahrtzeit, die ich im Halbschlaf verbrachte) und dort warteten wir,bis endlich der Pastor kam um uns zu sagen wie es weiterging. Wir wussten, dass die Jugendstunde auf dem Programm stand, aber es war immer noch offen wo wir danach schlafen würden. 10 Minuten vor dem Treff, kam dann der Pastor und eröffnete uns, dass er keine Übernachtungsmöglichkeit für uns habe und wir wählen können, ob wir gleich mit dem Bus nach Hause fahren oder erst nach dem Jugendabend. Nicht, dass wir uns drauf eingestellt hätten, zu übernachten und morgen an zwei Gds Teilzunehmen und was noch viel schwerer wiegt: Ich hatte ein Mentorengespräch mit Pastor und seiner Frau morgen geplant, weil das ja der einzige Tag ist wo beide können und jetzt sagte er lax, das können wir ja dann auch Montag oder Dienstag bei EMPI machen. Häh??? Ja, wir sind hier wirklich SEHR flexibel in Argentinien
Nach einem vollen Tag also, wo ich mich von einer Minute auf die nächste auf ständig wechselnde Ansagen eingestellt hatte, waren wir endlich gegen 21.30 zu Hause.