Diesen sehr persönlichen Erfahrungsbericht aus meinem Leben schreibe ich hier nur, damit euch eine neue Dankbarkeit für das Eurige ereilt.
Der Tag fing ganz entspannt an. Erste Physiotherapie um 6.30 morgens (die für den Nacken), zweite um 8.00 (für das Knie). Dazwischen eine bequeme halbe Stunde um zum eine halbe Stunde entfernten Dorf namens Bentwisch zu kommen. Ich kam nie dort an…
Wohlgeschunden von der ersten Therapie stieg ich auf meinen Drahtesel und versuchte ihn Richtung Bentwisch zu steuern. Ungefähr nach fünf Minuten spürte ich, dass der Boden unter mir härter und die Schlaglöcher schmerzhafter wurden. Mein Vorderrad war platt. Sch…önes Ereignis. Schieb ich also in Windeseile nach Hause, borge mir ein x-beliebiges Fahrrad das auf dem Gemeindehof steht (gut dass ich eine Gemeinde habe) und fahre bergab. Als ein Auto von rechts kommt, merke ich dass meine Bremsen nicht funktionieren. Ich kann ihm geradeso ausweichen, kollidiere jedoch mit dem Nachbarszaun.
Schei…nt nicht das idealste Fahrrad zu sein. Mittlerweile ist es 10 vor 8 und ich entscheide, dass ich es nicht mal mit nem Auto rechtzeitig schaffen würde und schiebe auch das zweite Wrackfahrrad zurück.
Durch die nun gewonnene Stunde ermutigt, ziehe ich mich zu einer eilig einberufenen stillen Zeit zurück und frage Gott was die Moral dieser Geschichte sei, oder ob er will, dass ich heute etwas besonderes lerne… vielleicht Dankbarkeit für bessere Tage?
Mir fällt nix ein. Immerhin bitte ich ihn, dass dies nicht der Anfang eines dieser Tage werden würde, an denen man lieber im Bett bleibt? Ich hätte länger zuhören sollen.
Der Vormittag verstrich mit seinen üblichen Aufgaben, z.B. Fahrrad auseinander bauen, 8 Löcher im Schlauch flicken wollen (in Worten ACHT), aufgeben, sich ärgern, sich fragen wie man ohne Fahrrad zum Fahrradfritzen kommen soll, bis meine Mutter zufällig vorbei kam. Welche Freude überströmte mich, denn sie hatte ein Auto.
Geschickt wandte ich meine Überredungskünste an und eine viertel Stunde später saß ich im Auto auf dem Weg zum 10 Minuten entfernten Fahrradfritzen. Doch meine Freude war von kurzer Dauer.
Auf einer Strasse die sich gefühlte 100km schnurgerade bis zum Horizont ausrichtete fuhr ein Golf Plus 40 km/h. Ich ließ ihn gewähren… 10 Sekunden lang dann setzte sich meine Ungestümtheit durch und ich überholte. In etwa 500 m Entfernung nahm ich mit dem Seitenblick am Strassenrand einen Van war, vor dem Menschen standen. Fragt mich nicht warum, aber ich dachte „hmmm vielleicht verkaufen die ja Tannenbäume…“ Ok, aufhören zu lachen. Es waren die Menschen, die grün waren, keine Bäume, zumindest solange bis ein Männchen eine rote Kelle schwang und ich innerlich sch…alom rief.
„Dank modernster Radartechnik kann man ein Auto auf 500 m anvisieren und als sie hinter dem Golf ausscherten dachte ich, mach ich doch mal.“
Toll, was diese Technik heutzutage kann!
„Wir haben sie mit 70 km/h gemessen auch wenn sie kurz danach sich wieder stark verlangsamten“ (das war, als mein Gehirn wieder einsetzte) „und das in der 50-Zone. 3 km/h abgezogen, das macht dann ca. 35 Euro. Und eigentlich noch 10 Euro mehr weil sie den Fahrzeugschein nicht dabei hatten.“ Ich lächelte bitter, denn in mir war Schmerz.
So kostete mein neuer Schlauch über 40 Euro. Mann mann mann, dafür muss der aber auch extra lange halten… dachte ich.
Nun, nachmittags als mein Zorn verraucht und das Fahrrad wieder zusammen gebaut war, machte ich mich auf den Weg zum Spanischunterricht in der Südstadt, etwa eine ¾ Fahrradfahr-Stunde von mir entfernt.
Hatte ich erwähnt, dass mein Rücklicht aufgehört hatte zu funktionieren? Nicht? Pah, Kleinigkeiten kann man schon mal vergessen. Als ich merkte, dass ich früh dran war, machte ich einen Zwischenstop in Rostocks City (ja die gibt es!) und fand nen anderen Fahrradfritzen der mir für 50 c eine niegelnagelneue Birne verkaufte. Man war ich stolz! Ich wechselte sie sofort aus und siehe da… Ich sah nix. Die Birne blieb dunkel. Sch….pitze dann liegt das Problem also in der Lichtleitung, in der, die durch den Rahmen führt und an die man nicht rankommt. Schön.
Ich ignorierte dieses minimale Problem und trat beherzt in die Pedale, als ich merkte, dass sich mein Vorderrad seltsam weich anfühlte. Merkwürdig, hatte ich doch soviel Luft reingepumpt wie bei einem Autoreifen. Dieses Vorderrad KANN nicht weich sein!
Es kann.
Und es war. Platt.
Gibt es irgendwo Gerechtigkeit? Oder hat jemand den Topf zur falschen Seite ausgegossen?
Ich merkte wie mir ein stechender Schmerz ins Gehirn und dann in die Hände schoss, die dieses Fahrrad ins nächste Schaufenster stellen wollte- also von der Strasse aus, ohne das Fenster zu öffnen und mit viel Schwung.
Aber alles war halb so schlimm, ich war ja schon fast beim Spanischkurs, nur noch 20 Minuten zu Fuss…
Gerade rechtzeitig traf ich ein und genoss den Kurs auch die meiste Zeit. Nur fragte ich mich innerlich ständig, wie heisst eigentlich „wie komme ich bloss mit diesem… Fahrrad nach Hause“ auf Spanisch?
Die Rückfahrt verlief gut, denn ich fuhr mit dem Fahrrad. … in der Bahn.
Und es dauerte nur ungefähr doppelt solange wie mit dem Fahrrad.
Ich erspare euch die Details über meine erneute Fahrradreparaturaktion abends um 9. Den Kampf zwischen Schlauch und dem sich alle 30 Sekunden ausschaltendem Flurlicht hätte ich fast verloren. Aber ich blieb tapfer und siegte. So fiel ich schon fast mit Freudentränen in den Augen nach einem ausgefüllten Tag ins Bett. Nunja vielleicht waren es keine Freudentränen…
Und die Moral von der Geschicht?
Freut euch an eurem Leben. Ihr habt es gut!


